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Mai 01

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Sandro Del-Prete

Alle, auch die jüngeren Augenoptiker, kennen die blaue Bibel, das Buch „Refrektionsbestimmung“ von Heinz Diepes. Im Dezember 2011 bekam der „Augenoptikerpapst“ Prof. Heinz Diepes, der Gründer des Studiengangs Augenoptik, in einer Feierstunde der HTW-Aalen das Bundesverdienstkreuz am Bande überreicht. Als Rahmenprogramm gab es einen Vortrag zu optischen Phänomenen. Darin wurde auch daran erinnert, dass es genau 10 Jahr vorher eine grandiose Feier zum siebzigsten Geburtstag von Prof. Diepes gab. Er erhielt zum Geschenk das wunderbare Bild „Das gekrümmte Schachbrett“ von Sandro Del-Prete – und Sandro Del-Prete war selbst gekommen, um das Bild zu überreichen.

Das gekrümmte Schachbrett von Sandro Del-Prete

Das gekrümmte Schachbrett


Sandro Del-Prete malte dieses Bild bereits 1975 und die Faszination daran ist seitdem ungebrochen. Sie hat sich eher noch gesteigert. Das gleiche gilt für seine anderen Werke.

Hier stellen wir zwei seine bekanntesten Bilder vor.

Ein Bild ist zweidimensional und auch das Bild im Auge ist immer zweidimensional.
Die Welt im Kopf ist jedoch räumlich. Im Laufe unseres Lebens haben wir so viele Erfahrungen gesammelt, dass wir in der räumlichen Interpretation der flachen Bilder meistens richtig liegen. Aber manchmal jedoch nicht, wie sogenannte unmögliche Figuren beweisen. Schon in den dreißiger Jahren hat der Schwede Oscar Reutersvärd eine ganze Sammlung unmöglicher Figuren geschaffen. Auch das unmögliche Dreieck war dabei, das von Roger Penrose erst 1958 wiederentdeckt wurde. M. C. Escher hat es schließlich umgesetzt in seinem berühmten Wasserfall-Bild.

In keiner dieser um 1975 bekannten unmöglichen Figuren war eine dabei, die unserem Hauptmotiv ähnelt. Es ist eine Erfindung von Sandro Del-Prete. Die Linien im Schachbrett sind tatsächlich alle Geraden und außerdem parallel. Es ist also ein ganz normales Schachbrett gezeichnet. Die weißen Figuren stehen alle auf der im Bild unteren Hälfte des Schachbretts. Dieser Teil des Schachbretts wird auch ganz normal wahrgenommen, nämlich als Blick von oben auf ein Schachbrett. Der obere Teil alleine bietet eigentlich auch keine Besonderheit: Es ist die perspektivisch korrekt gezeichnete Hälfte eines Schachbretts. Nun schauen wir von unten auf das Schachbrett und die schwarzen Figuren stehen oben auf. Der Eindruck: „Blick von unten“ wird zusätzlich suggeriert durch den Rand des Schachbretts. Erst wenn man beides zusammen betrachtet lassen sich die beiden Bildhälften nicht zusammenfügen. So eine Figur kennt das Gehirn nicht. Also macht es aus der unmöglichen eine mögliche Figur. Das Schachbrett erscheint gekrümmt, obwohl alle Linien parallel sind. Die wunderbaren Leitern von „unten“ nach „oben“ sind für den Effekt gar nicht notwendig, aber verstärken ihn natürlich noch. Es entsteht die paradoxe Situation, dass wir vielleicht sogar erkennen, dass die Linien im Schachbrett alles parallele Geraden sind, aber trotzdem erscheint das Schachbrett gekrümmt!

Kinder sehen anders

Der Necker-Würfel ist ein Beispiel für eine bistabile Figur. Es wird einmal die eine oder andere Fläche vorne gesehen. In anderen sogenannten Kippfiguren wie bei dem allseits bekannten Bild „alte Frau – junge Frau“ sind zwei unterschiedliche Interpretationen möglich.
Je nach Erfahrung wird die eine oder andere Deutung zuerst war genommen. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für ein doppeldeutiges Bild ist die Message d’amour des dauphins von Sandro Del-Prete. Auch hier ist die Erfahrung dafür entscheidend, was gesehen wird.

Figur-Grund-Trennung


Die visuelle Wahrnehmung ist mit der Geburt noch nicht vollständig ausgeprägt.

Die einzelnen Sehfunktionen wie Sehschärfe, räumliches Sehen, Bewegungswahrnehmung, Kontrastempfindlichkeit etc. brauchen Zeit, um sich zu entwickeln. Aber diese Sehfunktionen sind nicht alles. Die Welt muss Gestalt annehmen. Die Seheindrücke müssen geordnet werden. Eins der Ordnungsprinzipien ist die Trennung der Objekte in Figur und Hintergrund. Aber was ist die Figur, was ist Hintergrund? Der dänische Psychologe Edgar Rubin hat 1915 eine einfache Figur angegeben, in der eine Figur-Hintergrund-Umkehrung möglich ist. Figur und Hintergrund haben eine gemeinsame Grenze. Deshalb kann der Hintergrund zur Figur werden und umgekehrt. Wenn die Vase wahrgenommen wird, dann steht sie vor einem dunklen Hintergrund. Wenn die Köpfe wahrgenommen werden, dann stehen sie vor einem hellen Hintergrund.

Alles was wir wahrnehmen, vergleichen wir mit dem, was wir schon kennen. Ein Kind kann schon bald nach der Geburt das Gesicht der Mutter erkennen und von anderen unterscheiden. Eine Vase gehört sicher nicht zu den ersten vertrauten Objekten, aber die Erfahrung „Vase“ wird mit Sicherheit in den ersten Lebensjahren nachgeholt. Bei Kindern im Alter von etwa circa drei bis fünf Jahren werden die Deutungen „Gesicht“ und „Vase“ etwa gleichwertig sein.
Wenn ein Kind aber noch nie eine Vase gesehen hat, dann kann es auch im Abbild keine Vase sehen. Genauso verhält es sich mit den Delphinen. Sandro Del-Prete schreibt dazu: „diese Figur-Hintergrund-Umkehrung demonstriert, wie die Erfahrung des Betrachters das Bild formt. Kinder sehen eine Gruppe von Delphine bei ihrem fröhlichen Treiben. Erwachsene sehen ein Paar in liebevoller Umarmung.“ Erwachsene erfassen das Bild als Ganzes und erkennen das Paar. Die Delphine sind „maskiert“. Kinder müssen lernen, das Bild als Ganzes zu erfassen. Sie sammeln noch neue Objekte. Deshalb haben Kinder eine andere Blickstrategie. Sie scannen das Bild ab, achten dabei auf jedes Detail und entdecken auch ihnen bereits bekannte Objekte: die Delphine.
Hin und wieder wird argumentiert, dass Kinder grundsätzlich helle Bereiche als Hintergrund wahrnehmen. Dafür spricht, dass Kinder gewöhnlich auf weißem Papier malen. Automatisch ist damit der Hintergrund weiß. Es würde folgen, dass sie tatsächlich sofort die Delphine sehen, aber das Paar nicht wahrnehmen. Dagegen, gibt es zwei Einwände. Erstens dürften die Kinder dann nicht die Rubin’sche Vase erkennen, denn sie würde auch nur als Hintergrund wahrgenommen. Zweitens springen die Delphine richtig ins Auge, wenn das Bild invertiert wird. Im invertierten Bild sehen nicht nur Kinder, sondern sogar Erwachsenen sofort die Delphine!

Aber sehen Kinder wirklich Delphine? Neulich war eine Kindergartengruppe, also vier bis sechsjährige, hier in der Scheune. Auf die Frage „Na was seht ihr hier auf dem Bild?“ kam der Chor auf gut Schwäbisch: „zwei Nakkete!“. Sandro jedenfalls meint, dass Kinder Delphine sehen. Vielleicht klappt das in der Schweiz noch.

Die Delphine sind sicher Del-Pretes bekanntestes Werk. In seinem Buch beschreibt er eine amüsante Begebenheit: Dieses Bild wurde auch bei einer Ausstellung im Museum of Science in Boston gezeigt. Als man die Kuratorin fragte, ob es keine Kontroversen über das Bild gegeben hatte, meinte diese, dass sich einmal eine Gruppe von Nonnen beschwert hätte, doch sie waren sofort verstummt, als man ihnen sagte, dass die eigene Wahrnehmung auf bislang gemachten Erfahrungen beruht.

Sandro Del-Prete

Sandro Del-Prete wurde am 19. September 1937 in Bern geboren.

Sein bisheriger Lebensweg und sein Lebenswerk sind in dem phantastischen Buch „Der Meister des „Illusorismus“ dargestellt.. Die Wortschöpfung „Illusorismus“ ist der Versuch, der Kunstrichtung, die durch M. C. Escher populär geworden ist, einen Namen zu geben.

Schon früh fiel sein außerordentliches Künstlerisches Talent auf. Trotzdem besuchte er auf Wunsch des Vaters zunächst eine Handelsschule, die er bis Handelsmatura abschloss.

Aber bereits al 23 jähriger konnte er sich seinen Traum erfüllen. Studium an der Academia delle belle Arte in Florenz. Obwohl ihm nach sechs Monaten das Geld ausging und er zurück musste, war es doch die Zeit die ihn prägte. Das Studium der großen Meister wie Michelangelo, Rembrandt und Rubens führte ihn bereits zu der Einsicht: „Alles was wir sehen, kann  auch anders gesehen werden. Ich frage mich deshalb: Ist nicht ohnehin alles was wir sehen bloß eine Illusion?“

Del-Prete führte weiter das Doppelleben als Kaufmann und Künstler. Als  sein erstes  Buch Illusorismen ein großer Erfolg wurde, wagte er 1981 den Schritt in die Selbständigkeit und eröffnete zusammen mit seiner Frau Yolanda in Bern eine Galerie mit seinen Werken. 2002 kam dann der Umzug ins Illusorialand in Ittigen bei Bern. Dort können die inzwischen weltberühmten Lithografien Das gekrümmte Schachbrett,  La vie en rose, Das Geheimnis zwischen den Herbstblättern, Hommage an Leonardo da Vinci, Die Eisenbahnbrücke, Message

d’amour des dauphins und viel, viel mehr angeschaut werden. Die Galerie bietet eine Vielfalt an weiteren Überraschungen, die nur zu einem kleinen Teil hier zu finden sind: www. Illusorialand.ch

Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: Dr. Bernd Lingelbach

War Professor an der Hochschule Aalen im Studiengang Augenoptik. Er war und ist regelmäßig auf internationalen Tagungen mit eigenen Beiträgen präsent. Weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist „Lingelbachs Scheune“ in Leinroden. Dort können viele der hier vorgestellten optischen Phänomene in natura angeschaut werden.  Über die Scheune hat es eine ganze Reihe von Fernsehbeiträgen gegeben. Diese sind zum Teil im Internet bei YouTube abrufbar.

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